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Herr Dr. Koch, im Durchschnitt kamen über 20.000 Zuschauer zu den vier WMSpielen in die Augsburger Arena. Eine Zahl, die Sie zufrieden stellt?
Dr. Rainer Koch: In jedem Fall, denn die Statistik zeigt eindrucksvoll, dass wir mit Augsburg als bayerischem WM-Spielort ohne Wenn und Aber die richtige Entscheidung getroffen haben. Obwohl kein Deutschland-Spiel in Augsburg stattgefunden hat, war die Resonanz hervorragend: Ausverkauftes Stadion im Viertelfinale Schweden gegen Australien, nahezu ausverkauft bei Nordkorea gegen Schweden und fast 21.000 Zuschauer im Spiel England gegen Japan. Und auch mit den 13.000 Fans beim Auftaktspiel Norwegen gegen Äquatorial-Guinea war ich zufrieden. An einem Mittwochnachmittag, mitten während der Arbeitszeit, ist das doch eine Zahl, die sich sehen lassen kann - vor allem, weil die Partie im Vorfeld der WM ehrlicherweise nicht zu den absoluten Topspielen gezählt wurde. Sie haben selbst alle Augsburger WM-Spiele live im Stadion verfolgt. Wie haben Sie die Stimmung erlebt und wie fällt Ihr sportliches Fazit aus? Dr. Rainer Koch: Die Atmosphäre war einfach fantastisch. Jede gelungene Aktion wurde von dem aus meiner Sicht wirklich fachkundigen Publikum begeistert gefeiert. So viele La- Ola-Wellen habe ich bisher selten durch ein Stadion gehen sehen. Besonders freut mich, dass immer beide Mannschaften angefeuert wurden. Auch sportlich haben wir, denke ich, attraktive Spiele gesehen. Unglaublich viele Torchancen zum Auftakt zwischen Norwegen und Äquatorial-Guinea, zwei europäisch-asiatische Duelle, in denen sich die körperlich und kämpferisch starken Schwedinnen und Engländerinnen gegen die technisch hochbegabten Teams aus Nordkorea und Japan durchsetzen konnten, und ein spannendes Viertelfinale, in dem Schweden und Australien gezeigt haben, dass sie derzeit zurecht zu den acht weltbesten Teams gehören.
War die WM-Begeisterung auch außerhalb des Augsburger Stadions zu spüren? Dr. Rainer Koch: Natürlich! Ich erinnere nur an über 500 Frauen und Mädchen, die, angefeuert von vielen weiblichen und männlichen Fans, am Guiness-Elfmeterschießen auf dem Fuggerplatz in Augsburg teilgenommen und einen neuen Weltrekord aufgestellt haben. Das Spiel Deutschland - Frankreich habe ich selbst mit weit über 1000 Frauenfußball-Fans zusammen auf der Augsburger Fanmeile am Stadtmarkt verfolgt. Auch da war die Atmosphäre absolut WM-würdig. Und wie groß das Interesse an der Frauenfußball-WM über Augsburg und die Region hinaus in ganz Deutschland ist, zeigen die Fernsehquoten: Bis zu 18 Millionen Menschen saßen beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Kanada vor den TV-Geräten, ein Marktanteil von über 60 Prozent!
Was muss passieren, damit der Frauen- und Mädchenfußball nachhaltig von der WM profitieren kann und nicht wenige Wochen danach wieder ein Schattendasein fristet? Dr. Rainer Koch: Für mich ist der Begriff Schattendasein falsch. Wir dürfen nicht den Fehler machen, den Frauenfußball ständig mit dem Männerfußball zu vergleichen. Frauenfußball liegt bei den Frauensportarten schon jetzt an der Spitze. Die Begeisterung ist riesig. In den letzten fünf Jahren haben wir die Zahl der Mädchen- und Frauenmannschaften in Bayern von etwas über 1000 auf knapp über 2000 verdoppelt. Die WM wird das noch einmal pushen, wenn wir gemeinsam mit unseren Vereinen jetzt die richtigen Voraussetzungen schaffen. Wir brauchen zum Beispiel überall in Bayern noch mehr Schule-Verein-Kooperationen und damit verbunden mehr Schulfußballangebote. Fußball hat besonders in den Grundschulen noch nicht den Stellenwert, den er in den Augen der jungen Menschen und der Gesellschaft insgesamt hat. Außerdem gibt es immer noch viel zu wenig Trainer und Betreuer für den Frauen- und Mädchenfußball in den Vereinen.
Welchen Beitrag leistet der Bayerische Fußball-Verband, um Abhilfe zu schaffen? Dr. Rainer Koch: Genau an den beiden genannten Punkten setzen wir mit unserer Kampagne „Pro Amateurfußball“ an. Um im Frauen- und Mädchenfußball die Zahl qualifizierter Trainerinnen in den Vereinen zu erhöhen, gehen wir zum Beispiel aktiv auf ehemalige BFV-Auswahlspielerinnen zu und versuchen, sie für eine Trainerausbildung beim BFV und eine anschließende Tätigkeit im Verein zu gewinnen. Wir fördern die Gründung von Fußball-Sportarbeitsgemeinschaften an den Schulen in allen sieben Bezirken Bayerns mit Gerätegutscheinen, bilden unsere Stützpunktspieler der BFVNachwuchsleistungszentren zu Mentoren für Schulfußballangebote aus und bieten den bayerischen Vereinen Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) an, die für den jeweiligen Verein Schulkooperationen anstoßen sollen. Und für alle sechs- bis 14-jährigen Mädchen ohne Vereinszugehörigkeit, die Lust auf Fußball haben, gibt’s an zwei Orten pro Bezirk einmal wöchentlich ein Schnuppertraining-Angebot. Wie sehr trifft Sie das WM-Aus der deutschen Mannschaft und befürchten Sie einen Einbruch der WM-Euphorie? Dr. Rainer Koch: Das ist natürlich eine sehr große Enttäuschung, dass die deutsche Mannschaft jetzt schon ausgeschieden ist. Wir haben uns alle auf ein tolles Halbfinale und Finale in Frankfurt mit der deutschen Mannschaft gefreut. Wir müssen aber die Leistung der Japanerinnen anerkennen. Sie haben bravurös verteidigt und gezeigt über welche technische Klasse sie verfügen. Das ist auch ein Nachweis für die Entwicklung und die mittlerweile hohe Qualität des Frauenfußballs: Es gibt einfach mehrere Teams auf absolutem Top-Niveau. Da entscheiden nur noch Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage und bei aller Enttäuschung ist das ein äußerst wichtiger und positiver Aspekt. Eine aus deutscher Sicht auch sportlich erfolgreiche WM wäre das i-Tüpfelchen gewesen, aber wir sehen ja, dass auch die Spiele ohne deutsche Beteiligung eine sensationelle öffentliche Beachtung finden und schon bei den Viertelfinalspielen am Sonntag war die Stimmung ungebrochen. Wir haben nun noch zwei packende Halbfinalspiele, ein Spiel um Platz Drei und ein Finale der besten Mannschaften in diesem Turnier. Spannung ist garantiert wie man vor allem im letzten Viertelfinalspiel zwischen den USA und Brasilien bestens sehen konnte. Diese WM ist in meinen Augen unabhängig vom deutschen Abschneiden ein unglaublicher Erfolg für den Frauenfußball und das lässt auch auf eine großartige weitere Entwicklung hoffen.
Herr Dr. Rainer Koch vielen Dank für das Interview
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